Experiment Erde

Ich habe ein überschaubares, abgeschlossenes Experimentierfeld erfunden, einen Planeten. Geschützt durch Atmosphäre, Gravitation und Magnetfeld, zugleich isoliert durch die Raum-Zeit und die Endlichkeit der Lebenszyklen. Es entstanden aus winzigen Zufällen vielfältige Lebensformen, die sich gegenseitig beeinflussen, vermischen und fressen.

Ich habe diesen kleinen geschützten Raum geschaffen und schaue, wie sich das Leben da entwickelt, wenn ich an dieser und jener Einstellschraube ganz leicht drehe. Eine leichte Rhythmusanomalie führt zu Eis- und Heißzeiten, eine leichte Abweichung der Mondbahn führt zu Springfluten, und die atmosphärischen und nautischen Strömungen bieten allerlei Gelegenheit für Abwechslung. Ab und zu gebe ich auch einen Impuls durch einen Schubs eines Meteoriten, so dass er die Erde trifft, aber selten: ich habe gesehen, dass ich damit vorsichtig sein muss.

Bei den Lebewesen selbst habe ich nahezu freie Hand: Letztens habe ich ausprobiert, was passiert, wenn ich einer Spezies ein größeres Hirn wachsen lasse. Das war eines der spannendsten Impulse meines gesamten bisherigen Experiments. Von da an veränderte sich der ganze Planet rasant und radikal. Die wichtigste Folge war wohl, dass plötzlich Informationen gespeichert und weitergegeben werden konnten. Die Wesen dieser Spezies waren gerade so intelligent, dass sie die vielen Informationen strukturieren konnten, konnten aber die komplexen langfristigen Folgen ihres Handelns nicht voraussehen und ihre Entscheidungen entsprechend ausrichten. Das war interessant, weil bisher jede Spezies einen Weg gefunden hatte, dauerhaft in Gemeinschaften mit der Umgebung zu leben. Zum ersten Mal waren andere Kriterien handlungsleitend als das Leben in Einklang mit der Umgebung.

Ist das Experiment gescheitert, weil nach erstaunlich kurzer Zeit die Ära der Warmblüter zu Ende ging? Nein, denn durch die veränderten Bedingungen hat eine damals noch unbekannte Spezies ihr Nischendasein verlassen und sich über die für Warmblüter unbewohnbare Erde ausgebreitet. Eine faszinierende Entwicklung aus heutiger Sicht.

Welchen Sinn hat das Ganze?
Na, ich schaue, wie sich die Vielfalt des Lebens entwickelt, welche Fähigkeiten und Eigenschaften Oberhand gewinnen und welche Folgen das hat. Mal bin ich entsetzt oder enttäuscht, dann wieder amüsiert.


Den Sinn, den wir suchen, gibt es nicht. Jeder Mensch, der danach sucht, muss zur Erkenntnis gelangen, dass nur er selbst seinem Tun oder Nichtstun einen Sinn verleihen muss, wenn er denn einen braucht.

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